Pfingstkongress in Coburg




Vor zehn Jahren war ich das erste, vor sieben Jahren das letzte Mal dort. Als Student im zweiten Hochschulsemester bin ich damals ganz gespannt nach in Mannheim halb durchzechter Nacht am Freitag vor Pfingsten mit einem Inaktiven Burschen, meinem Confuxen und einem unserer damaligen Ehrenmitglieder im Auto nach Coburg gefahren. Wir Aktive schliefen im Ernestinum, einer Coburger Realschule, vielleicht auch einem Gymnasium, das weiß ich nicht mehr so genau, in einem Klassenzimmer. "Bierjunge" hörte ich mehrfach die vor der Schule in dunklen Anzügen sitzenden Studenten rufen, als wir unsere Schlafsäcke drinnen auf Luftmatratzen ausbreiteten.

Wir liefen in die Stadt. Häufig kamen uns ältere wie jüngere Mitglieder anderer Landsmanschaften und Turnerschaften und grüßten mit Abnahme ihrer bunten Kopfbedeckungen: "Tag, die Herren!"

In der Stadt war alles gerammelt voll mit Alten Herren, Aktiven und inaktiven Burschen sowie Füxen. Überall Couleur, verklebte Anzüge und schäumende Gläser. Eine einzige Sphäre des Getöses, Gegrummels und Gebrülls. Im sogenannten Bermuda-Dreieck (das heißt so, weil hier gern besuchte Gasthäuser sich gegenüberliegen) stehen im Laufe des Freitagabends immer mehr Männer und gießen sich Gerstensaft in den Kopf. Hier treffen sich alte Bekannte oder auch "Verbandsbrüder", die sich neu kennenlernen. Man redet sich, so man nicht Mitglied desselben "Bundes" ist, mit "Herr Verbandsbruder" an. Wenn Aktive verschiedener Bünde sich neu kennenlernen, kreisen die Gesprächsthemen neben dem Leben an der jeweiligen Universität meist um den Nachwuchs der Verbindungen (in dem Fall wird gern gejammert), um das Leben in den Saufkellern der Verbindungshäuser, um die bösen Linken und die anti-korporativen Aktivitäten der "Zecken."
Von Freitags bis zum Frühschoppen am Dienstagmorgen wird nun durchgesoffen. Insgesamt habe ich damals, 1998, in der ganzen Zeit vielleicht sechs bis sieben Stunden geschlafen. Den Anzug dürfte ich einmal gewechselt haben.

Ach ja, die Linken. Die demonstrieren auch in Coburg. Meistens Samstagsvormittags. Damals hörte ich allerdings nur wenige Pfeifen aus dem Münchener Hofbräu, da hatte meine Verbindung ihre "Konstante", heraus. Und das war nachmittags. Hatte vielleicht auch mit dem Wetter zu tun, das anders als 2008, vor zehn Jahren nämlich sehr verregnet war. Samstagsvormittags findet ein Sportturnier statt, wo die verkaterten Aktiven, die dazu in der Lage sind, zum Beispiel Fußball spielen. Hatten wir damals auch, aber weit kamen wir nicht. Parallel dazu finden Convente statt, auf denen darüber diskutiert wird, wo bei welchem Paragraphen der Satzung einige Nuancen vielleicht etwas geändert werden könnten. Danach trinkt man eben wieder Bier.

Sonntags ist Familientag. Da fuhren wir nach Seßlach, um dort unter uns, also eher ohne Verbandsbrüder, und mit "den Frauen" (ja, manche Dame findet auch den Weg nach Coburg) zu speisen und eben Bier zu trinken. In anderen Jahren gab es an diesem Tag Floßfahrten usw.

Am Pfingstmontag steht mehr Programm an. Da findet nämlich vormittags die "Totenehrung" statt, auf "chargiert" wird, d.h. drei Angehörige eines jeden Bundes, in der Regel machen das die Chargierten, als da wären der Senior, der Con- und der Subsenior, ziehen sich den Chargenwichs an und holen je nach Bedarf die Chargenschläger hervor, damit alles schön offiziell aussieht. Abends ist in einem großen Festzelt der Kommers, wo in offiziellem Rahmen gesoffen wird. Die Chargen aller 100 Bünde marschieren der Reihe nach ins Zelt und nehmen vorne Platz, der Rest des Verbandes sitzt aus längs gestellten Bänken dahinter. Vorne mit dem Gesicht zum Verband sitzen Verbandsleitung und Präsidium. Die Präsidierende ist jedes Jahr eine andere CC-Verbindung. Deren Aufgabe ist es, alles zu organisieren und für einen harmonischen Ablauf des Kongresses zu sorgen. Die große Kommersrede unterscheidet sich nie großartig von den Reden, wie man sie von den Festkommersen auf den eigenen Häusern gewöhnt ist: Entweder versucht ein besonders mutiger konservativer Kulturkämpfer, "Tabus" zu brechen (Strenge und Anstand müssten zurückkehren, und die Toleranz, die der Verband zu seinen Leitlinien zählt, möge man im kleinen Kreise üben), oder ein "politisch korrekter" Reformlandsmannschafter versucht die vermeintlich zeitgemäße Light-Version des Waffenstudenten zu betonen ( man sei sehr wohl modern, schließlich nehme man ja Ausländer auf und das Mensurfechten sei heute nicht mehr als eine "Eintrittskarte in den Bund"). Besonders populär ist es auch, das Prinzip "Leistung" zu betonen. Wenn den Studenten empfohlen wird, die persönlichen Ziele zu erreichen, wird das von einigen Altherrenvorsitzenden mitunter auch als "unbequem" charakterisiert. Alle Redner versichern: Jawohl, wir Korporierten haben, hoppla!, eine Existenzberechtigung.

Im Anschluß an den Kommers folgt der Fackelzug in die Coburger Innenstadt. Den fand ich 98 schon recht gruselig. Als ich zwei Jahre später selbst als Chargierter im Stechschritt marschierte, erklärte mir ein Alter Herr im Münchener Hofbräu, ihm seien fast die Tränen gekommen.auf dem Marktplatz versammeln sich die Chargierten und Anzugträger und klingen das Deutschlandlied an.

Dienstagmorgens ist dort dann der Frühschoppen. Bevor dann sämtliche Alkoholleichen sich ans Steuer setzen und die Stadt Coburg in alle Richtungen verlassen.

Heute, am Pfingstmontag 2008, ist das Wetter für den Kongreß ideal. Ich sitze vor dem Rechner und denke an die vergangene Zeit. Das Programm soll für kommende Jahre übrigens um einen Tag gekürzt worden sein. Wer weiß, vielleicht begebe ich mich irgendwann doch mal wieder dorthin.



Gepostet von Mark P. Haverkamp unter 12:12
http://markphaverkamp.blogspot.com/2008/05/coburger-pfingstkongre.html

28.5.09 23:58

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